Was soll das?

Mentalreserven. Als ich das Wort zum ersten Mal getroffen habe wusste ich, dass es mich von nun an begleiten sollte. Es war ein schönes Wort, in Klang und Bedeutung liebenswert. Wir haben uns sofort verstanden. Wir sprachen über die Grenzen unserer geistigen Kapazitäten, über die Einbindung in die sogenannte Leistungsgesellschaft, über Effizienzgewinne und Produktivitätssprünge. Wir sprachen über Beschleunigung, über das Stolpern, Hinfallen, Scheitern. Wir sprachen über Rückzugsorte, zeitliche, räumliche und geistige. Wenn der Kopf leer ist von der ganzen Zuvielfalt an Informationen und Terminen und Hektik, wenn man viel um die und zwischen den Ohren hat, kann man ein paar Mentalreserven ganz gut gebrauchen.

Eigentlich entstammt der Begriff ja aus dem Juristendeutsch, habe ich gelernt. Ich zitiere: „Mit Gedankenvorbehalt (= Mentalreservation) wird der geheime innere Vorbehalt des Erklärenden bezeichnet, bei einer Willenserklärung das Erklärte nicht zu wollen.“ Ein Beispiel: Rudolf möchte, dass Jochen ihm sein Auto leiht. Jochen will das aber auf keinen Fall (= innerer Vorbehalt). Um aber Ruhe vor ihm zu haben, sagt Rudolf: „Okay, Jochen, ich leihe Dir mein Auto.“ Weil jetzt Jochen aber als normaler Mensch nicht davon ausgeht, dass Rudolf ihm sein Auto nur leiht, um Ruhe vor ihm zu haben, ist ein Leihvertrag zustande gekommen. Der innere Vorbehalt ist wirkungslos. Wer es noch genauer wissen möchte, schaut bei Wikipedia. Da steht auch, dass man eine nicht ernst gemeinte Willenserklärung auch „böser Scherz“ nennt. Im Gegensatz dazu gibt es auch den „guten Scherz„; der hat aber im Juristendeutsch nichts mit einem tollen Witz zu tun, soweit ich das beurteilen kann. Ich habe nämlich nicht Jura studiert, sondern nur Soziologie.

Die juristische Bedeutung des Begriffs habe ich erst später erfahren, als ich den Begriff mal gegoogelt habe. Und ich finde, das passt. Wenn ich etwas sage, was ich eigentlich nicht sagen will, weil ich es nicht so meine, dann kann ich das nicht als Ausrede nehmen, wenn ich später auf die Schnauze falle. Richtig so. Alleine schon der Satz „Der innere Vorbehalt ist wirkungslos“ ist so schön, dass ich mich spontan in ihn verliebt habe.
Wie auch immer: Mentalreserven. Sie sind der Ersatzkanister der Weltbewältigung. Wenn die Reserven jetzt komplett aufgebraucht sind, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es zu einer tiefen Befindlichkeitszerrüttung kommt. Dass vielleicht sogar eine Miniaturpanik ausbricht. Und um das zu vermeiden, sammele ich hier ein paar Gedanken und interessante Verweise. Da lässt sich dann immer wieder mal reinschauen, wenn der Kopf leer ist. Ich muss mir nichts mehr merken, und das Dokumentierte kann es sich im Daunengehirn des weiten Netzes bequem machen. Das ist doch eine feine Sache.