Eines Morgens hielt mir der Tag einen Spiegel vors Gesicht und überraschte mich mit einem jubelnden „Maximales Carpe Diem, Alter!“ Ich wusste nicht, was schlimmer war: mein Morgengesicht oder die Tages-Energie.
„Was für seltsame Ansichten du hast“, sagte ich müde. Der Tag legte den Spiegel zur Seite und flüsterte mir eindringlich ins Ohr: „Du solltest erstmal meine Absichten sehen!“ Sein Atem roch nach Pfefferminz, nicht nach To-Do-Liste.
Ich schüttelte den Kopf, aber auch das bot keine Erfrischung. Meine Zukunft konnte mich kaum in Worte fassen. Sie wedelte mit den Armen und presste nur ein stumpfes „Naja“ hervor.
„Ist ja gut“, sagte ich und stand auf. Eine nachdenkliche Falte erschien in der Tür, aber wenn ich mir die Welt aus dem Kopf schlage, ist alles anders. Schon im Bad war mir klar, dass ich der Gegenwart eigentlich sagen möchte, sie solle mir eine Menge Freude bereiten. Als ich zurück ins Zimmer kam, lag ein schönes Leben in meinem Bett und schnarchte.
Der Tag sah, was in mir vorging, und noch bevor ich mich dazulegen konnte, griff er meinen Arm und zog mich aus dem Erdgeschoss meiner Stimmung. „Ah, ah, ah, mein Junge, jetzt nicht wieder in alte Muster rutschen. Hier ist kein Raum für Zweifel.“ Na gut, dachte ich. Manchmal sehen wir etwas Richtiges und vergessen unsere Angst. Ich umarmte den Tag, gab ihm einen fetten Kuss auf die Stirn, zog mich beschwingt an und summte ein maximales Carpe Diem in die Luft. Fortan hüpfte mein Herz durch die Wirklichkeit und andere Enttäuschungen. Kurz vorm Schlafengehen dachte ich noch: Es muss ein schöner Tag gewesen sein, denn mein Lächeln ist noch nicht im Papierkorb.